FÜR ABONNENTEN

Analyse: 2080 ist noch lange hin

Die Kritik der Staatsrevisoren räumt mit der Vorstellung auf, dass die Probleme des Stromnetzes nur mit schweren Prozessen zu tun haben. Ein zukünftiger Minister steht in der Verantwortung für ein System, das möglicherweise Jahrzehnte im Rückstand ist.

Der Bericht des Rechnungshofs über den Ausbau des Stromnetzes ist düstere Lektüre. Archivfoto: Elecnor
Veröffentlicht Geändert

Was lange wie ein technischer Rückstand beim Ausbau des Stromnetzes wirkte, erweist sich nun als politisches und administratives Versagen mit Folgen für die grüne Transformation, für Investitionen und für die Glaubwürdigkeit des Staates. Darin liegt die eigentliche Bedeutung des Berichts über den Netzausbau von Energinet, den der Rechnungshof Rigsrevisionen vorgelegt hat und zu dem sich die dänischen Statsrevisorerne, das parlamentarische Kontrollorgan des Folketing, geäußert haben.

Denn es geht nicht nur um Kabel, Umspannwerke und schwerfällige Verfahren. Es geht darum, dass das staatliche Energieunternehmen beim Ausbau eines zentralen Teils der Infrastruktur so große Probleme hat, dass die Statsrevisorerne die Steuerung der Aufgabe scharf kritisieren. Zugleich wird das Klima-, Energie- und Versorgungsministerium dafür kritisiert, zu spät reagiert zu haben, obwohl die Warnsignale seit Langem deutlich waren.

Damit ist das mehr als eine gewöhnliche Geschichte über Verzögerungen. Es ist eine Frage der Verantwortung. Und im Zentrum dieser Frage steht eine Zahl als wohl härtestes Symbol für das Ausmaß des Problems: 2080.

Wenn 2050 ins Rutschen gerät

Der Rechnungshof schreibt, dass Energinet derzeit rund 120 Kilometer Stromnetz pro Jahr fertigstellt. Soll das Ziel für 2050 erreicht werden, muss dieses Tempo in den kommenden 25 Jahren auf etwa 250 Kilometer pro Jahr steigen. Andernfalls wird der Ausbau nicht 2050 abgeschlossen sein, sondern eher 2080. Anschaulicher lässt sich kaum zeigen, wie weit sich die Realität inzwischen von den politischen Ambitionen entfernt hat.

Bemerkenswert ist nicht nur diese Rechnung. Bemerkenswert ist auch, dass der Bericht kaum den Eindruck vermittelt, die notwendige Beschleunigung stehe unmittelbar bevor. Energinet wirkt nicht wie ein Unternehmen, das kurz vor einem Durchbruch steht.

Genau deshalb trifft die Kritik so hart. Denn die Verzögerungen sind keine kleinen Ausschläge in einem komplizierten Bauprogramm. Rund 70 Prozent der Projekte von Energinet sind verspätet. Die verspäteten Projekte dauern im Durchschnitt rund 80 Prozent länger als geplant. Und die Projekte, die nicht verspätet sind, wurden nach Einschätzung der Statsrevisorerne in der Regel erst vor Kurzem gestartet. Das deutet auf ein strukturelles Muster hin.

Wenn ein so großer Teil des Portfolios ins Rutschen gerät und die Verzögerungen sogar noch zunehmen, wird es schwer, die Vorstellung aufrechtzuerhalten, es handle sich lediglich um ein System unter Druck. Es wirkt vielmehr wie ein System, das nicht gut genug funktioniert.

Energinet hat eine lange Liste von Erklärungen vorgelegt. Behördliche Verfahren. Interne Faktoren. Netzkunden, die angeschlossen werden sollen. Engpässe. Ressourcenmangel. Komplexere Projekte. Vieles davon mag zutreffen. Einiges davon trifft sicher zu. Doch genau hier setzt die Kritik des Rechnungshofs am härtesten an.

Lässt sich das aus eigener Kraft lösen?

Das Problem ist nicht, dass es an Erklärungen fehlt. Das Problem ist, dass diese Erklärungen zu allgemein und zu unklar sind, um als echtes Steuerungsinstrument zu taugen. Der Rechnungshof schreibt, die Ursachen seien nicht trennscharf genug und zeigten nicht deutlich genug, wie Energinet konkret eingreifen könne, um künftige Verzögerungen zu vermeiden. Der Begriff „behördliche Verfahren“ kann sehr unterschiedliche Probleme abdecken. „Interne Faktoren“ bei Energinet können alles bedeuten, von Kompetenzen und Personal über Prozesse bis hin zu Prioritäten. Dadurch lassen sich die Erklärungen auch schwerer in konkretes Handeln übersetzen.

Eine Organisation kann gut darin sein, ihre Probleme zu erklären, ohne gut darin zu sein, sie zu lösen. Und wenn der Rechnungshof im Kern feststellt, dass Energinet nur teilweise einen Überblick über die Ursachen der Verzögerungen hat, dann ist das schwer anders zu lesen als Kritik am Führungsgriff des Managements auf die Aufgabe selbst.

Doch das Problem endet nicht bei Energinet. Der Bericht ist auch eine ernste Erinnerung daran, dass das Ministerium Verantwortung für diesen Bereich getragen hat, ohne schnell genug zu handeln. Das Klima-, Energie- und Versorgungsministerium wurde bereits im März 2023 darüber informiert, dass rund 40 Prozent der Projekte verspätet waren. Später wurde es mehrfach darauf hingewiesen, dass das Stromnetz historisch stark von Verzögerungen und Kostensteigerungen betroffen sei. Dennoch kommt der Rechnungshof zu dem Schluss, dass das Ministerium auf die Informationen, die es im Rahmen seiner Aufsicht erhielt, zu spät reagiert hat.

Genau dieser Teil des Falls macht ihn politisch brisant. Für einen neuen Minister wird das nicht einfach nur eine weitere schwierige operative Aufgabe sein. Es wird ein Vorgang sein, in dem die Prüfbehörden bereits Versäumnisse sowohl im Management von Energinet als auch in der Aufsicht des Ministeriums festgestellt haben. Wer das Amt nach den Regierungsverhandlungen übernimmt, erbt also nicht nur ein belastetes Stromnetz, sondern ein dokumentiertes Systemversagen.

Was bedeutet das für die Wirtschaft?

Für die Wirtschaft sind die Folgen ganz konkret. Wenn das Stromnetz nicht schnell genug ausgebaut wird, wird es schwieriger, Investitionen in Rechenzentren, Power-to-X, grüne Industrie, Elektrifizierung und neue Produktionsanlagen zu realisieren. Das gilt im ganzen Land, ist aber besonders deutlich in Regionen zu spüren, die sich als Standorte für grüne Energie und energieintensive Investitionen positioniert haben. Mit anderen Worten: hier.

Dänemark hat jahrelang von der Vorstellung profitiert, dass grüner Strom, Elektrifizierung und stabile Rahmenbedingungen neue Unternehmen und große Investitionen anziehen könnten. Doch diese Erzählung lässt sich schwerer aufrechterhalten, wenn die Infrastruktur, die all das tragen soll, nicht rechtzeitig kommt. Und wenn der Staat nicht einmal in der Lage ist, diesen Ausbau ordentlich zu steuern, bekommt seine Glaubwürdigkeit Risse.

An diesem Punkt wird der Bericht noch interessanter. Das Ministerium hat nicht berechnet, was die Verzögerungen bei Energinet für die CO2-Emissionen oder für den Anschluss neuer Solar- und Windparks bedeuten. Es erklärt, solche Auswirkungen ließen sich nicht präzise abschätzen, auch weil die Folgen in unterschiedliche Richtungen wirken könnten. Zugleich verweist das Ministerium darauf, dass Dänemark im Klimastatus- und Projektionsbericht 2025 eine erwartete Übererfüllung von rund 1,5 Millionen Tonnen CO2 ausgewiesen habe, und kommt zu der Einschätzung, dass die Verzögerungen insgesamt nicht verhindern werden, das Reduktionsziel von 70 Prozent bis 2030 zu erreichen.

Wenn der Staat aber wegen gravierender Verzögerungen bei jener Infrastruktur kritisiert wird, die die grüne Transformation tragen soll, und die Folgen dennoch nicht genauer beziffert, dann liegt die Interpretation nahe, dass man das Problem nicht allzu genau vermessen möchte. Das ist meine Analyse. Genährt wird sie jedoch auch dadurch, dass der Rechnungshof dem Ministerium ausdrücklich empfiehlt, die Folgen genauer zu untersuchen, um einen besseren Überblick über Faktoren zu gewinnen, die das Klimaziel für 2030 beeinflussen könnten.

Eine schwere Last für einen neuen Minister

Dänemark will mehr Bereiche seiner Wirtschaft elektrifizieren, mehr grüne Industrie anziehen und mehr erneuerbare Energie ausbauen. Wenn das Stromnetz aber erst Jahrzehnte später nachzieht, werden politische Ziele, Geschäftspläne und Investitionsversprechen entsprechend unsicherer.

In diesem Sinne ist der Bericht des Rechnungshofs nicht nur eine harte Kritik an Energinet. Er ist eine Warnung, dass eine der wichtigsten Grundlagen der grünen Transformation schwächer geworden ist, als der Staat selbst lange einräumen wollte.

Und die Rechnung ist nun weitergereicht worden. An einen neuen Minister, der vor einer der größten Aufgaben der nächsten Regierung steht. An Unternehmen, die auf Kapazität warten. An Investoren, die Verlässlichkeit verlangen. Und an eine grüne Transformation, die nicht von Ausbauversprechen abhängt, sondern davon, dass dieser Ausbau tatsächlich umgesetzt wird.

Jetzt abonnieren und Zugang sichern

Schon Abonnent? Jetzt einloggen

Persönliches Abonnement

  • Premium-Zugang zu allen Inhalten auf FehmarnBusiness
  • Unbegrenzter Zugriff auf unser gesamtes Archiv
  • Newsletter mit den wichtigsten Branchennachrichten
  • Schnelle Updates bei relevanten Ereignissen
  • Website-Login – bleiben Sie auch unterwegs über Branchennews informiert
Abonnement kaufen

Testen Sie FehmarnBusiness 14 Tage kostenlos

  • Premium-Zugang zu allen Inhalten auf FehmarnBusiness
  • Unbegrenzter Zugriff auf unser gesamtes Archiv
  • Newsletter mit den wichtigsten Branchennachrichten
  • Schnelle Updates bei relevanten Ereignissen
  • Website-Login – bleiben Sie auch unterwegs über Branchennews informiert
Starten Sie Ihr Testabonnement