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Analyse: Machtwechsel im Femern-Projekt

Die Einstellung des Briten Guy Taylor markiert einen Wechsel sowohl in der Führung als auch in der Kooperationsform. Sund & Bælt nennt es eine neue Phase, aber die Ernennung zeigt auch, wie der Konzern die Steuerung näher an sich heranzieht.

Eine der größten Uneinigkeiten betrifft die Qualität der Tunnelrinne. Foto: Jean Kloe / Femern A/S
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Die Ernennung von Guy Taylor zum neuen Projektdirektor markiert mehr als nur einen Wechsel an der Spitze eines Milliardenprojekts. Sie zeigt, wie Sund & Bælt die Führung über den Fehmarn-Tunnel übernommen und das Projekt unter seine eigene Logik gestellt hat. Nach einem Jahr mit Verzögerungen, Streitigkeiten und technischen Herausforderungen ist die Geduld aufgebraucht. Jetzt geht es um Steuerung, Tempo und Kontrolle.

Der Bau, der Dänemark und Deutschland mit einem 18 Kilometer langen Tunnel verbinden soll, steht vor seiner entscheidenden Phase. Der Tunnelgraben wird vom Auftragnehmer Femern Link Contractors (FLC) abgelehnt, die Ivy-Schiffe warten weiterhin auf die behördliche Genehmigung, und niemand weiß, wann das erste Tunnelsegment auf dem Grund des Fehmarnbelts platziert wird.

Die Verzögerungen haben den Zeitplan ausgehöhlt, und die Zusammenarbeit zwischen Bauherr und Auftragnehmer war lange Zeit von dem geprägt, was die Leute um das Projekt eine vertragsorientierte Herangehensweise nennen, bei der die Parteien Verträge aushandeln, anstatt Probleme zu lösen, anstatt des projektorientierten Geistes von Zusammenarbeit und Pragmatismus, auf dem das Projekt ursprünglich basierte. Hinzu kommt eine finanzielle Forderung von 14,5 Milliarden Kronen von den Auftragnehmern in FLC - als i-Tüpfelchen in einem Projekt, bei dem der Fortschritt längst zu einem Kampf geworden ist.

Viel zu lange hat Sund & Bælt stur daran festgehalten, dass der Tunnel 2029 fertig sein würde - auch lange nachdem niemand auf der Baustelle daran glaubte. Die Unternehmer wussten es, die Mitarbeiter wussten es, und die Leser von FemernBusiness wussten es. 

Ein Wechsel, der in den Karten lag 

Henrik Vincentsen hat das Projekt durch die ersten großen Baujahre geleitet. Er hat Struktur und Ruhe gebracht, das Gießen in Rødbyhavn gesichert und dafür gesorgt, dass die ersten Elemente Wirklichkeit werden konnten. Aber die Verhandlungen mit den Unternehmern sind ins Stocken geraten, und das Projekt hat an Fahrt verloren. Wenn Konzernchef Mikkel Hemmingsen in der Pressemitteilung von “einer neuen Phase” und “neuen Kompetenzen” spricht, sind das höfliche Worte dafür, dass der Konzern nun die Steuerung näher an sich zieht.

Femern A/S rückt aus dem Bild 

Die Pressemitteilung, die am Freitagvormittag herauskam, erwähnt Femern A/S mit keinem Wort. Alles wird im Namen von Sund & Bælt kommuniziert, und Guy Taylor wird als Projektdirektor für das Femern Bælt-Projekt bezeichnet - nicht als Geschäftsführer von Femern A/S. Das ist kein sprachliches Detail, sondern ein Signal. Femern A/S, das als eigenständiges staatliches Unternehmen gegründet wurde und es immer noch ist, fungiert heute faktisch als eine Abteilung unter Sund & Bælt. Die Unabhängigkeit, die das Projekt einst definierte, existiert nicht mehr. Wo früher der Geschäftsführer von Femern A/S an der Spitze des Projekts stand, ist es jetzt ein Projektdirektor bei Sund & Bælt.

Ein neuer kurs

Die Ernennung trägt deutlich die Handschrift, dass der Vorstand von Sund & Bælt einen neuen Kurs wünscht. Mehrere Mitglieder kennen Guy Taylors Welt von innen. Erik Skotting, ehemaliger technischer Direktor bei Metroselskabet, arbeitete mit ihm an der Metro Cityringen zusammen und weiß, wie er große, komplexe Projekte leitet. Und Michael Hannibal, Partner bei Copenhagen Infrastructure Partners und ehemaliger CEO bei Siemens Gamesa, repräsentiert die internationale Erfahrung, auf die sich der Konzern nun ausrichtet.

Die Ernennung passt perfekt in dieses Netzwerk. Sie ist ein Zeichen dafür, dass der Konzern nicht nur technische Kompetenz sucht, sondern auch die Art von internationalen Beziehungen und Entscheidungskraft, die die Umfelder prägen, aus denen Hannibal und Skotting kommen.

Der neue mann im maschinenraum 

Guy Taylor bringt mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung aus Tunnelprojekten in Europa und Asien mit. Er war am Bau der Metro in Kopenhagen, des Söderström-Tunnels in Stockholm beteiligt und hatte zuletzt führende Rollen bei der Land Transport Authority in Singapur. Er kennt die dänische Projektkultur und internationale Unternehmer und weiß, wie man ein Projekt gegen den Wind vorantreibt.

Sund & Bælt nennt es selbst eine „neue Phase“ für das Projekt, in der die Zusammenarbeit mit den Unternehmern „auf eine neue Art“ erfolgen soll. Die Worte klingen harmlos, bergen aber ein klares Signal. Nach einer Phase, in der die Arbeit stillstand, möchte der Konzern sowohl die Kooperationsform als auch den Führungsstil ändern.

Die große Prüfung besteht darin, die Zusammenarbeit mit den Femern Link Contractors wieder auf Kurs zu bringen - das internationale Konsortium, das für den eigentlichen Tunnelbau verantwortlich ist. Hier bündeln sich die Herausforderungen: Die Tunnelrinne ist noch nicht übergeben und genehmigt, die Ivy-Schiffe warten auf die Genehmigung, und die Forderung von 14,5 Milliarden Kronen schwebt wie ein Schatten über dem Projekt. Genau hier wird die Steuerung auf die Probe gestellt - nicht nur für Guy Taylor, sondern auch für Mikkel Hemmingsen, der als Direktor von Sund & Bælt das Projekt zu seinem gemacht hat. Wenn es den beiden gelingt, das Vertrauen der Unternehmer wiederherzustellen und das Tempo der Arbeiten auf dem Meeresboden zu erhöhen, kann das Projekt seine Richtung wiederfinden. Andernfalls droht der Femern-Tunnel in denselben Konflikten gefangen zu werden, die bereits Zeit und Glaubwürdigkeit gekostet haben.

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