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Lolland rückt im Kampf um Stahl in den Fokus

Ein neuer Bericht gibt den Plänen für Schiffsrecycling in Rødbyhavn neue Dynamik und verbindet die Wiederverwertung von Schiffsstahl mit Europas Bedarf an Versorgungssicherheit, Rohstoffen und geringeren CO2-Emissionen.

Riesige große Schiffe können in Rødbyhavn zu Stahl umgewandelt werden. Foto: /ritzau/Nyheim Marius/Archiv
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Versorgungssicherheit, Zugang zu Rohstoffen und Klimavorgaben sind in den Mittelpunkt der europäischen Industriepolitik gerückt. Krieg und geopolitische Unsicherheit haben die Herkunft vieler Materialien, auf die die Industrie angewiesen ist, fragiler gemacht. Zugleich haben die Belastungen der Lieferketten in den vergangenen Jahren gezeigt, wie anfällig das System ist. Parallel dazu wächst der Druck, die CO2-Emissionen der Schwerindustrie zu senken. Das erhöht das Interesse an Lösungen, bei denen Rohstoffe nicht nur importiert und verbraucht, sondern stärker zurückgewonnen, dokumentiert und wieder in die Produktion eingebracht werden.

Vor diesem Hintergrund hat Renable, ein Unternehmen mit Schwerpunkt auf Kreislaufwirtschaft und digitaler Dokumentation, im Auftrag des Branchenverbands Danske Maritime untersucht, ob sich in Rødbyhavn ein nordisches Zentrum für Schiffsrecycling und Stahlrückgewinnung etablieren ließe. Der Bericht stützt sich auf mehr als 100 Interviews und verleiht den Plänen damit erstmals eine deutlich konkretere Form.

Was ist der nächste Schritt?

Der Bericht empfiehlt, dass das Projekt nun in eine detailliertere Phase übergeht, die die Grundlage für eine sogenannte FEED-Phase bilden soll. Dies ist der Teil des Prozesses, in dem das Projekt technisch, wirtschaftlich und organisatorisch gründlich durchgearbeitet wird, bevor eine Entscheidung über die Realisierung getroffen werden kann. Der nächste Schritt laut Bericht:

  • wirtschaftliche Analyse und Finanzierungsstrategie
  • technische Analyse von Infrastruktur und Prozessdesign
  • Zertifizierungen, Standards und ESG-Compliance
  • rechtliche und organisatorische Klärung
  • Implementierungsplan und Phasenaufbau

Für Jens Klit Thomsen, CEO und Mitgründer von Renable, berührt das Projekt einige der drängendsten industriepolitischen Fragen Europas.

„Es geht um Stahl. Einen kritischen Rohstoff, den wir heute in großem Umfang aus China importieren. Vor dem Krieg in der Ukraine kam ein erheblicher Teil aus Russland und der Ukraine. Wenn wir Schiffe hier zerlegen, können wir Importe verringern, weil der Stahl aus ausgedienten Schiffen wiederverwendet werden kann“, sagt er.

Der Bericht richtet den Blick vor allem auf die größten Schiffe, die sogenannten Post-Panamax-Schiffe mit einer Länge von mehr als 300 Metern, die in den kommenden Jahren das Ende ihrer Lebensdauer erreichen dürften. Nach Einschätzung des Berichts verfügt Europa derzeit über zu wenig Kapazitäten, um gerade diese Schiffstypen zu verarbeiten. Die meisten bestehenden Recyclinganlagen sind auf kleinere Schiffe ausgelegt und stoßen bei Kaianlagen, Trockendocks und Wassertiefe an ihre Grenzen.

Neue Wertschöpfungskette

Das Projekt verknüpft damit Kreislaufwirtschaft eng mit Industriepolitik und Versorgungssicherheit. Die Idee ist, dass ausgediente Schiffe nicht nur abgewrackt werden, sondern in eine neue Wertschöpfungskette eingehen, in der Stahl, Metalle und Ausrüstung wiederverwendet werden, statt durch neue Importe ersetzt zu werden. Zugleich könnte das Recycling von Stahl die CO2-Emissionen im Vergleich zur Primärproduktion um bis zu 90 Prozent senken.

Das Projekt folgt damit zwei Zielen zugleich: den Klima-Fußabdruck zu senken und Europas Zugang zu einem Rohstoff zu stärken, der für Industrie, Bauwirtschaft und Produktion zentral ist.

In diesem Zusammenhang beschreibt der Bericht Rødbyhavn als einen Standort mit besonderen Voraussetzungen. Ausschlaggebend ist vor allem die bestehende Elementfabrik, in der große Hallen und Trockendocks bereits vorhanden sind.

„Drei Trockendocks dieser Größenordnung sind absolut einzigartig. So etwas gibt es sonst nirgends auf der Welt“, sagt Jens Klit Thomsen.

Die Produktion der Tunnelelemente endet, bevor der Tunnel selbst fertiggestellt ist. Damit könnte das Gelände grundsätzlich schon eine neue Funktion erhalten, bevor das gesamte Fehmarn-Projekt abgeschlossen ist.

„Es ist wichtig, früh anzufangen. Man kann ohne Weiteres mit einer Halle beginnen“, sagt er.

Erfahrung aus dem Maersk-Umfeld

Die Zukunft der Elementfabrik ist seit Langem Teil der Debatte in der Region. Im Laufe der Zeit wurden auch andere Nutzungsmöglichkeiten ins Spiel gebracht, darunter militärische Zwecke. Mit dem neuen Bericht wird Rødbyhavn nun als möglicher Standort für eine neue, industriell verankerte Aktivität beschrieben, die auf die Rückgewinnung von Stahl und anderen Materialien aus Schiffen ausgerichtet ist.

Für Renable ist das Projekt eng mit der eigenen Arbeit in den Bereichen Kreislaufwirtschaft, Dokumentation und Rückverfolgbarkeit verbunden. Jens Klit Thomsen war selbst mehr als 20 Jahre bei Maersk tätig und zuletzt CEO von Maersk Decom, das sich auf die Stilllegung von Offshore-Öl- und Gasanlagen konzentrierte. Auch die beiden anderen Mitgründer kommen nach vielen Jahren bei Maersk zuletzt aus dem Umfeld von Maersk Decom, bevor sie Renable gründeten. Aus seiner Sicht ist das Unternehmen dadurch den Umgang mit großen und komplexen Projekten gewohnt.

Mögliche Unterstützung durch die EU

Das Projekt macht zugleich deutlich, dass Schiffsrecycling in Rødbyhavn nicht nur im traditionellen Sinn verstanden werden soll. Auch Robotik gehört zum Konzept. Jens Klit Thomsen verweist unter anderem auf eine Zusammenarbeit mit Robot Technology in Odense, Large Structure Production in Lindø und der Universität Süddänemark. Ziel ist es, Schwerindustrie, Technologie und Recycling in einem integrierten Modell zusammenzuführen.

Wie weit das Projekt bereits gediehen ist, zeigt sich auch daran, dass es bereits Gespräche mit der staatlichen Gesellschaft Sund & Bælt gegeben hat, der die Elementfabrik gehört.

Jens Klit Thomsen verhehlt nicht, dass ein Projekt dieser Größenordnung erhebliches Kapital und breite Unterstützung erfordern würde. Es gehe um ein Modell, in dem große Investoren eine Rolle spielen würden und in dem auch die EU sowie der dänische Staat Bedeutung gewinnen könnten, wenn die Pläne realisiert werden sollen.

Er geht zudem davon aus, dass eine Anlage in Rødbyhavn rund 500 Arbeitsplätze direkt am Standort schaffen könnte. Hinzu kämen etwa 1.500 weitere Stellen in angrenzenden Branchen.

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