Andreas Wenzel: Fehmarn könnte Lolland-Falster auf eine neue Wachstumsachse bringen

Mit der Eröffnung der Fehmarnbeltquerung könnte Lolland-Falster zwischen Kopenhagen und Hamburg eine völlig neue wirtschaftliche Position bekommen, meint der Geschäftsführer der Deutsch-Dänischen Handelskamme

Andreas Wenzel, administrerende direktør i Dansk-Tysk Handelskammer
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Die Fehmarnbeltquerung kann mehr bewirken, als nur die Reise zwischen Dänemark und Deutschland zu verkürzen. Sie könnte Lolland-Falster auch eine neue Rolle in einer Wirtschaftsregion zwischen zwei der stärksten Wachstumsräume Nordeuropas verschaffen.

Davon ist Andreas Wenzel, Geschäftsführer der Deutsch-Dänischen Handelskammer, überzeugt. Beim Folkemøde Møn nahm er an einer Debatte darüber teil, wer von der künftigen Verbindung tatsächlich profitieren wird.

Neue Schienen und ein Tunnel allein reichen jedoch nicht aus.

- Mit der Fehmarnbeltquerung kommt das Wachstum nicht automatisch. Eine Bahnverbindung und eine bessere Infrastruktur schaffen Erreichbarkeit, aber für sich genommen noch kein Wachstum. Entscheidend sind vor allem die lokalen Kompetenzen, die Wirtschaftspolitik und die Frage, ob es gelingt, rund um die Infrastruktur die richtigen Verbindungen und Möglichkeiten zu schaffen, sagt Andreas Wenzel.

Eine der zentralen Aufgaben wird seiner Ansicht nach deshalb darin bestehen, festzulegen, in welchen Bereichen Lolland-Falster und Südseeland künftig besonders stark sein sollen. Er warnt davor, dass Kommunen versuchen, gleichzeitig auf zu viele Branchen und Sektoren zu setzen.

Stattdessen sollte die Wirtschaftspolitik auf den Ressourcen, Kompetenzen und der Infrastruktur aufbauen, über die die Region bereits verfügt, und darum ganze Wertschöpfungsketten entwickeln.

- Wir brauchen eine realistische Strategie, die auf konkreten Stärken aufbaut. Es geht auch darum, hochwertige und dauerhafte Arbeitsplätze zu schaffen. Man sollte in ganzen Wertschöpfungsketten denken und nicht nur versuchen, einzelne Unternehmen anzusiedeln, denn sonst können Synergieeffekte verloren gehen. Ziel sollte ein starkes wirtschaftliches Ökosystem sein, in dem Unternehmen voneinander profitieren und gemeinsam Synergien schaffen können, sagt er.

Die Kommunen und die Wirtschaft auf Lolland-Falster arbeiten seit rund zehn Jahren gezielt daran, die Investitionen rund um Fehmarn in eine dauerhafte wirtschaftliche Entwicklung zu überführen. Dazu gehören unter anderem die Tunnelelementfabrik und der Hafen in Rødbyhavn, der geplante Industriepark sowie die Entwicklung von Gewerbegebieten in Maribo und auf Falster.

Chancen bei grüner Energie

Wenzel sieht insbesondere in den Bereichen Energie und grüne Transformation große Chancen für die dänische Seite des Fehmarnbelts. Er nennt unter anderem Power-to-X, Kreislaufwirtschaft und Rechenzentren sowie die Möglichkeit, lokale Stärken mit Kompetenzen auf deutscher Seite zu verknüpfen.

Als Beispiel für eine solche gezielte Wirtschaftsentwicklung verweist er auf Aabenraa. Dort arbeitet die Kommune mit Aabenraa Circular am Aufbau eines grünen und zirkulären Industrieclusters, in dem unter anderem Energie, Power-to-X, Versorgung und Produktion enger miteinander verbunden werden.

Fehmarn könnte zugleich verändern, wie deutsche Unternehmen und Investoren die Region wahrnehmen, glaubt er.

- In einigen Bereichen liegt die Region heute zurück, aber ich bin sicher, dass die Situation bereits eine ganz andere ist als über viele Jahre hinweg. Die geopolitische Entwicklung führt unter anderem dazu, dass in Deutschland das Interesse an Skandinavien deutlich größer geworden ist, nicht zuletzt in der Verteidigungsindustrie.

Zwischen Kopenhagen und Hamburg

Langfristig könnten nach Einschätzung von Andreas Wenzel entlang der gesamten Achse von Kopenhagen bis Hamburg stärkere wirtschaftliche Verbindungen entstehen, als es heute der Fall ist.

Er verweist beispielsweise auf den Life-Science-Standort Lübeck und die Kompetenzen im Bereich grüner Energie auf dänischer Seite, die künftig enger miteinander verknüpft werden könnten.

- Wir sehen bereits heute auf beiden Seiten ein großes Interesse an mehr Zusammenarbeit, unter anderem in den Bereichen Sicherheit und Verteidigung. Es besteht also durchaus Potenzial für die Entwicklung einer gemeinsamen Wirtschaftsregion.

Eine der größten Herausforderungen besteht laut Wenzel darin, dass Unternehmen geografisch zwar näher zusammenrücken, weiterhin aber in zwei unterschiedlichen Systemen arbeiten müssen. Unterschiede bei Steuern, Ausbildung, sozialen Sicherungssystemen und behördlichen Anforderungen können es teurer und komplizierter machen, sich auf der anderen Seite der Grenze niederzulassen, Beschäftigte einzustellen oder Handel zu treiben.

Genau solche Hürden begegnen der Deutsch-Dänischen Handelskammer jedes Jahr bei Unternehmen, die grenzüberschreitend in Dänemark und Deutschland tätig sind. Soll die Fehmarnbeltquerung ihr volles Wachstumspotenzial entfalten, müssen deshalb auch einige der praktischen und administrativen Hindernisse abgebaut werden.

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