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Fehmarnbelt-Region sucht gemeinsame Richtung

Forschende haben Visionen und Konflikte auf beiden Seiten des Fehmarnbelts untersucht. Das Buch zeigt eine Region, in der Logistik, Energie, Industrie und Wohnen an Bedeutung gewinnen, während Dänemark und Deutschland von unterschiedlichen Voraussetzungen ausgehen.

Die Femern-Verbindung wird die europäische Landkarte verändern.
Veröffentlicht

Die Fehmarnbelt-Verbindung lässt die Region auf der Landkarte zusammenrücken. Die Reisezeiten werden kürzer, der Korridor zwischen Skandinavien und Mitteleuropa soll stärker werden. Doch ein neues Buch über die Entwicklung auf beiden Seiten des Belts zeigt: Eine gemeinsame Richtung für die Region ist noch immer schwer zu erkennen.

In dem Buch „Visionen aus der Fehmarnbelt-Region“ zeichnen Forschende und Planer das Bild einer Region, in der die feste Verbindung bereits Planungen für Logistik, Energie, Industrie und Wohnen beeinflusst. Die Entwicklung folgt jedoch keiner gemeinsamen Linie. Projekte, die mit Wachstum und grüner Transformation verbunden werden, werfen zugleich lokale Fragen nach Flächen, Landschaften, Lärm und Alltagsleben auf.

Titelseite des Buches

Das Buch geht aus der Fehmarn BELT Plan & Netzwerkinitiative hervor, einer Zusammenarbeit zwischen der Roskilde Universität, der Technischen Hochschule Lübeck und Rural Agency mit Unterstützung von Interreg Deutschland-Dänemark. Es basiert auf drei Jahren Feldarbeit, Interviews, Workshops und Besuchen in Städten, Dörfern, Häfen, ehemaligen Industriegebieten und Planungsabteilungen auf beiden Seiten des Fehmarnbelts.

Gemeinsame Richtung fehlt

Eine zentrale Botschaft des Buches lautet, dass die Fehmarnbelt-Region weiterhin eine Region im Entstehen ist. Sie existiert auf Karten, in Strategien und in politischen Visionen, funktioniert aber noch nicht als ein gemeinsamer Entwicklungsraum. Stattdessen wird sie von vielen unterschiedlichen Akteuren geprägt, die jeweils eigene Interessen verfolgen: Kommunen, staatliche Behörden, Investoren, Energieunternehmen, Logistikakteure, Kulturschaffende, Bürger und lokale Protestgruppen.

Damit ist die Fehmarnbelt-Verbindung mehr als ein Verkehrsprojekt. Sie wird auch zum Ausgangspunkt einer grundsätzlichen Diskussion darüber, wofür Flächen, Häfen, Städte und Landschaften in den kommenden Jahren genutzt werden sollen. Das Buch beschreibt, wie Logistik und Energie häufig in allgemeinen Begriffen wie Wachstum, grüne Transformation und Zusammenhalt verhandelt werden. In der Praxis zeigt sich die Entwicklung jedoch als konkreter Eingriff in den Raum: durch Solarparks, Fabriken, Lärmschutzwände, Baustellen und neue Industriegebiete.

Dänische Erwartungen

Auf der dänischen Seite des Korridors sind die Veränderungen bereits sichtbar. Entlang der Autobahn entstehen neue Industrie- und Logistikgebiete, und an mehreren Orten haben Solarparks frühere Ackerflächen ersetzt. Die Projekte werden mit Erwartungen an wachsenden Handel, elektrifizierten Verkehr, grüne Energie und eine stärkere Position zwischen Skandinavien und dem europäischen Festland verbunden.

Gleichzeitig zeigt das Buch, dass diese Entwicklung vor Ort Widerstand auslöst. Auf Lolland bezeichnen einige Einwohner die großen Solarparks als „Eisenfelder“, weil die Anlagen die Landschaft verändern und das vertraute Gefühl für den Ort verschieben. Damit wird die grüne Transformation auch zu einer Frage der lokalen Akzeptanz, der Flächennutzung und der Verteilung von Nutzen und Belastungen.

Bei Rødbyhavn verweist das Buch auf die Tunnelfabrik und das große Baugelände als weiteres Beispiel dafür, wie temporäre Baustellen dauerhafte Spuren hinterlassen können. Das Gebiet wurde für den Tunnelbau geschaffen, doch die Diskussion dreht sich auch darum, was bleiben soll, wenn die Bauphase vorbei ist. Darin liegt eine zentrale wirtschaftspolitische Herausforderung: Wie lässt sich ein historisches Bauprojekt in dauerhafte lokale Aktivität übersetzen, wenn die eigentlichen Bauarbeiten weiterziehen?

Deutscher Widerstand

Auf deutscher Seite nimmt der Konflikt eine andere Form an. In Bad Schwartau nördlich von Lübeck haben Anwohner gegen Pläne für eine hohe Lärmschutzwand entlang der Bahnstrecke protestiert. Die Wand steht im Zusammenhang mit der künftigen Schienenanbindung an den Tunnel. Hier geht es darum, wie ein europäischer Verkehrskorridor bis dicht an Wohngebiete und Alltagsleben heranrückt. Die Verbindung, die in Strategien als Impuls für Mobilität und Handel beschrieben wird, wird vor Ort über Lärm, Barrieren und veränderte Stadträume erlebt.

Das Buch weist zugleich auf einen grundlegenden Unterschied zwischen Dänemark und Deutschland hin. Auf dänischer Seite haben die Kommunen relativ weitreichende Möglichkeiten, innerhalb nationaler Vorgaben mit Flächen, Wirtschaftsentwicklung und Stadtentwicklung zu arbeiten. Auf deutscher Seite ist die räumliche Planung über mehrere Ebenen zwischen Bund, Land, Region und Kommunen organisiert. Das führt zu unterschiedlichen Prozessen, unterschiedlichem Tempo und unterschiedlichen Möglichkeiten, Visionen in konkrete Projekte zu übersetzen.

Für die wirtschaftliche Entwicklung in der Fehmarnbelt-Region ist das entscheidend. Die feste Verbindung schafft neue geografische Möglichkeiten, doch das Buch zeigt, dass Geografie allein keine zusammenhängende Region hervorbringt. Wenn Unternehmen, Investoren und Kommunen den Korridor strategisch nutzen wollen, müssen sie sich in unterschiedlichen Planungssystemen, unterschiedlichen lokalen Wirtschaftsstrukturen und unterschiedlichen politischen Erwartungen auf beiden Seiten der Grenze zurechtfinden.

Es mangelt nicht an Projekten

Arbeitskräfte und Ansiedlung sind ein weiterer Teil derselben Herausforderung. Das Buch beschreibt, wie Kommunen in der Region mit Wohnraum, Stadtentwicklung und sozialer Infrastruktur arbeiten, um Menschen anzuziehen und zu halten. Es geht nicht nur darum, Wohnungen zu bauen, sondern Orte zu schaffen, an denen Beschäftigte, Familien und junge Menschen auch langfristig leben wollen. Ohne dieses Fundament besteht die Gefahr, dass neuen Gewerbegebieten und Investitionen die lokale Basis fehlt, die sie zum Funktionieren brauchen.

Aus wirtschaftlicher Perspektive ist die vielleicht wichtigste Pointe des Buches deshalb, dass es der Fehmarnbelt-Region nicht an Projekten mangelt. Es fehlt vielmehr eine gemeinsame Richtung dafür, wie diese Projekte zusammenspielen sollen. Energie, Logistik, Industrie, Wohnen, Kultur und lokaler Widerstand entwickeln sich gleichzeitig, aber nach unterschiedlichen Logiken und mit unterschiedlichen Interessen im Hintergrund.

Die feste Verbindung kann einen neuen Korridor zwischen Dänemark und Deutschland schaffen. Das Buch zeigt, dass dieser Korridor die Region bereits verändert. Offen ist, ob daraus eine gemeinsame wirtschaftliche Stärke entsteht oder eine Reihe paralleler Projekte auf beiden Seiten des Belts.

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